Denn höhere Honorare für Mediziner waren bei den Prognosen nicht einkalkuliert. Die Arbeitskämpfe an kommunalen Kliniken verschärften die Lage zusätzlich. Wird nach den Protesten jetzt am Patienten gespart?
Klasse oder Kasse?
Wer in diesem Sommer einen Arzt sucht, sollte am besten auf die Straße gehen. Noch nie zuvor haben so viele Mediziner ihr Stethoskop gegen schrille Trillerpfeifen eingetauscht, wie in diesem Jahr. Die Devise lautet: Demonstrieren statt operieren, verbunden mit der die Forderung mehr mehr Geld und weniger Überstunden. Zwar ist die Streikwelle an deutschen Unikliniken überstanden, doch die kommunalen Kliniken ziehen nach. Auch niedergelassene Mediziner werden dieser Tage vor allem von ihren Anrufbeantwortern vertreten.
Hinten anstellen
Die Patienten stehen dem Treiben ein wenig hilflos gegenüber – und vor verschlossenen Praxistüren. Viele Behandlungen haben sich aufgrund der Streiks bereits verschoben, noch immer warten viele Versicherte auf ihre längst anberaumten Operationen. Zwar versichern Ärztefunktionäre immer wieder, dass Notfälle ohne Ansehen der Person auch während des Streiks versorgt würden. Doch gerade Kassenpatienten haben Zweifel, ob sie nicht doch zugunsten der lukrativeren Privatpatienten zurück-stehen müssen. Geschürt werden diese Ängste auch von der Politik, allen voran dem SPD-Abgeordneten Karl Lauterbach. Er bescheinigt Deutschland schon heute eine „lupenreine Zwei-Klassen-Medizin, die den Wohlhabenden, also den privat Versicherten, nützt.“
Jörg Dietrich Hoppe, Präsident der Bundesärztekammer, sieht das ein wenig anders. Allerdings ist auch er sich sicher, dass es in Deutschland zumindest einen Zwei-Klassen-Service gibt, der zwischen Kassen- und Privatpatienten differenziert. Eine Darmspiegelung etwa werde zwar bei einem gesetzlich Versicherten in gleicher Qualität durchgeführt wie bei einem Privatpatienten. Bei gesetzlich Versicherten werde der Arzt in seiner Therapiefreiheit allerdings durch die strikte Begrenzung der finanziellen Mittel eingeschränkt. Im Klartext: Was Kassenmitglieder bekommen, ist von guter Qualität. Aber nicht alles, was von guter Qualität ist, bekommen auch die Kassenmitglieder.
Bund fürs Leben
Solche Probleme kennen die meisten Privatpatienten nicht. Allen Bestrebungen der Gesundheitspolitik zum Trotz können sie beim Arzt meist aus einem deutlich umfangreicheren Leistungskatalog wählen, als die Mitglieder der Krankenkassen. Generelle Verbote – auch für ausgefallene Therapien – sind der privaten Krankenversicherung fremd.
Selbst beim Kostenfaktor haben die privaten Unternehmen mitunter die Nase vorn. Die Prämien richten sich nach Alter, Geschlecht und dem Gesundheitszustand des Patienten. Junge, gesunde Gutverdiener sparen im Vergleich zur gesetzlichen Versicherung sogar noch Geld und erhalten dennoch eine umfangreichere Versorgung. Prämienanstiege im Alter werden über so genannte Alterungsrückstellungen abgemildert, die die Versicherer für ihre Kunden anlegen. Der Nachteil: All jenen, deren Gesundheit ohnehin schon angeschlagen ist, bieten die Versicherer meist nur gegen erhebliche Risikozuschläge eine Police an.
Wer den Einstieg allerdings geschafft hat, dem kann die Politik auch bei noch so großen Geldsorgen nicht einfach die Leistungen kürzen. Der Anspruch auf bestimmte medizinische Leistungen oder bereits eingezahlte Altersrückstellungen der Privatversicherten lassen sich – anders als bei der gesetzlichen Konkurrenz – nicht einfach mit einem Federstrich des Gesetzgebers beseitigen.
Der private Schutz steht allerdings nicht allen Patienten offen. Nur wer jährlich mehr als 48.600 Euro brutto verdient, darf überhaupt in die private Versicherung wechseln. Diese Grenze soll künftig noch einmal kräftig steigen. Die Folge: Wenn immer weniger junge Versicherte ins private Lager nachrücken könnten auch dort die Prämien explodieren. Verbraucherschützer raten daher, sich vor dem Wechsel ausgiebig zu informieren. Denn der Wechsel in die erste Klasse bedeutet meist einen Bund fürs Leben. Die Rückkehr in den Schoß der Krankenkassen ist dann für immer verbaut.