Droht die Aufspaltung des deutschen Strommarkts?

Autor: FinanceScout24 - Veröffentlicht am 12.03.2015

Künftig könnte Strom in Süddeutschland teurer sein als im Norden. Grund für das mögliche Preisgefälle sind Engpässe im deutschen Stromnetz sowie der schwelende Konflikt mit der bayerischen Landesregierung, die sich weiterhin gegen den Bau neuer Stromtrassen sperrt. Das Wirtschaftsministerium zieht sogar eine Aufsplittung des Strommarktes in zwei Preiszonen in Erwägung.

Die von der Bundesnetzagentur berechneten Engpässe im deutschen Stromnetz könnten in Zukunft vor allem Stromkunden in Bayern teuer zu stehen kommen. Nachdem sich der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) im Streit um den Bau neuer Nord-Süd-Stromtrassen wenig kompromissbereit zeigt und an seiner Idee neuer Gaskraftwerke festhält, ist im Wirtschaftsministerium sogar schon von der Einteilung Deutschlands in Preiszonen die Rede. Dies berichtet „Spiegel Online“.

Einheitlicher deutscher Strommarkt – eine Fiktion?

Eine mögliche Aufsplittung des Strommarkts werde vom Wirtschaftsministerium grundsätzlich „nicht befürwortet“, lautet ein offizielles Statement. Jedoch stelle man sich die Frage, ob es für die Einrichtung von Preiszonen nicht doch eine „Notwendigkeit geben könnte, wenn die Netzengpässe nicht in absehbarer Zeit beseitigt werden“. Nach Informationen des Online-Magazins heißt es inoffiziell allerdings: „Der Kipppunkt ist erreicht, wenn kein Wille mehr erkennbar ist, die Engpässe möglichst bald zu beseitigen.“ Weigert sich Seehofer auch weiterhin, die geplanten Stromtrassen bauen zu lassen, wäre dies wohl der Fall. Ein Beamter des Wirtschaftsministeriums erklärte gegenüber „Spiegel Online“: „Der einheitliche Strommarkt ist schon jetzt immer öfter eine Fiktion. Wenn sich die Engpässe weiter verschlimmern, ist diese Fiktion irgendwann nicht mehr aufrechtzuerhalten.“

Zwei Strompreiszonen bedeuteten massiven Preisanstieg für Bayern

Gesetzt das Szenario von zwei Strompreiszonen würde Realität werden, könnte dies für einen Teil der Verbraucher teuer werden. Die Börsenstrompreise in Süddeutschland könnten um bis zu sechs Euro pro Megawattstunde steigen – insgesamt könnte die deutsche Stromversorgung pro Jahr um gut 600 Millionen Euro teurer werden. Das ergaben Berechnungen des deutschen Netzbetreibers 50 Hertz. Ob die Bundesregierung diesen massiven Anstieg der Strompreise tatsächlich riskieren würde, bleibt fraglich.

Ineffizienzen durch Redispatch-Maßnahmen

Sollten keine neuen Stromtrassen gebaut werden, werden künftig wohl immer mehr sogenannte Redispatch-Maßnahmen notwendig. Dabei handelt es sich um Eingriffe in das Stromnetz, um Überlastungen in den Leitungen zu vermeiden. Wird etwa in Norddeutschland übermäßig viel Energie über Windstromanlagen in das Stromnetz geleitet, müssen Betreiber der Übertragungsnetzwerke die Stromproduzenten im Norden anweisen, weniger Elektrizität einzuspeisen. Im Gegenzug müssen Stromproduzenten im Süden ihre Produktion steigern. Dadurch entstehen Ineffizienzen und Versorgungsengpässe. „Spiegel Online“ beruft sich auf unveröffentlichte Zahlen der Bundesnetzagentur, die zeigen, dass das Gesamtvolumen von Redispatch-Maßnahmen 2014 bei 5.131 Gigawattstunden lag. Dies entspricht etwa dem jährlichen Stromverbrauch von gut 1,4 Millionen vierköpfigen Familien. Neue Stromtrassen könnten Redispatch-Maßnahmen verhindern und Ineffizienzen entgegenwirken.

Lösung bis Juni angepeilt

Ohne das Einlenken Bayerns beim Stromtrassenbau rückt eine Aufspaltung des deutschen Strommarkts immer mehr in den Bereich des Möglichen. Im Umfeld der Bundesregierung ist dabei die Rede von einem „sehr realen Szenario“. Auch die EU hat sich bereits zu den Diskussionen um den Stromtrassenbau geäußert und sich für den Bau neuer Leitungen ausgesprochen, um einem geteilten deutschen Strommarkt entgegenzuwirken. Bis Juni soll eine Lösung im Streit mit der bayerischen Landesregierung gefunden werden.

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