Pflegegrade: Alle Leistungen ab 2017

Zuletzt aktualisiert am 16.03.2017

Die Pflegeleistungen in Deutschland standen lange Zeit in der Kritik. Mit der Einführung der neuen Pflegegrade wurde Anfang 2017 eine umfangreiche Pflegereform umgesetzt. Dabei wurden die einstigen Pflegestufen in Pflegegrade umgewandelt. Zugleich wurde damit die Pflegebedürftigkeit neu definiert und auch psychische Erkrankungen wie Demenz berücksichtigt.

Inhaltsverzeichnis

    Im Rahmen des Zweiten Pflegestärkungsgesetzes wurden die ehemaligen Pflegestufen in Pflegegrade übergeführt. Bei den neuen Pflegeraden gibt es fünf Abstufungen, eine mehr als bei den bisherigen Pflegestufen.

    Neu ist, dass die Pflegegrade sich verstärkt am Grad der Selbständigkeit des Bedürftigen orientieren. Dabei spielt es nun keine Rolle mehr, ob die Einschränkung durch eine körperliche oder psychische Erkrankung verursacht wird.

    Umstellung von Pflegestufen auf Pflegegrade

    Die Umwandlung der Pflegestufen in Pflegegrade erfolgte automatisch anhand einer Tabelle. In Einzelfällen kann eine erneute Begutachtung erforderlich werden, um den Pflegegrad präzise zu ermitteln.

    Pflegestufe Pflegegrad
    Keine Entsprechung 1 (neu ab 2017)
    Pflegestufe 0
    Pflegestufe 1
    2
    Pflegestufe 1 mit eingeschränkter Alltagskompetenz
    Pflegestufe 2
    3
    Pflegestufe 2 mit eingeschränkter Alltagskompetenz
    Pflegestufe 3
    4
    Pflegestufe 3 mit eingeschränkter Alltagskompetenz
    Pflegestufe 3 mit Härtefall
    5

    Für die Bestimmung des Pflegegrads wird im Zug der Pflegereform ein neues Verfahren angewandt, das Neue Begutachtungsassessment (NBA).

    Einstufung durch Begutachtung durch das NBA

    Um den Grad der Pflegebedürftigkeit zu ermitteln, prüfen Gutachter des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK), wie selbständig der Antragsteller im Alltag ist. Hierfür werden Fragenkataloge im Rahmen des NBA abgearbeitet. Die jeweiligen Fragen werden mit Punkten versehen.

    Die Skala reicht hier von 0 bis 100. Am Ende ergibt sich daraus eine Punktebewertung für den jeweiligen Antragsteller. Diese Punkte lassen sich einzelnen Pflegegraden zuordnen. Durch die Einführung des neuen Systems soll die Zuordnung in einen Pflegegrad objektiv und präzise erfolgen.

    Je höher die Punktzahl, desto höher der Pflegegrad. Ergibt das Gutachten eine Punktzahl von weniger als 12,5 Punkten, ist in der Regel nach dem Gesetz keine Pflegebedürftigkeit gegeben, die Leistungen aus der Pflegekasse ermöglicht.

    So werden die Punkte den Pflegegraden zugeordnet:

    Punkte aus NBA Pflegegrad
    12,5 bis < 27 Punkte 1
    27 bis < 47,5 Punkte 2
    47,5 bis < 70 Punkte 3
    70 bis < 90 Punkte 4
    90 bis 100 Punkte 5
    Pflegegrade 2017: Einstufung nach NBA

    Foto: FinanceScout24 / FinanceScout24

    Auf diese Kriterien kommt es bei der Begutachtung an:

    Kriterium Beschreibung Gewichtung
    Mobilität Geprüft wird zum Beispiel, wie gut sich der Antragsteller frei bewegen kann, ob freies Sitzen oder das Drehen im Bett ohne fremde Hilfe möglich ist. 10 Prozent
    Kognitive und kommunikative Fähigkeiten Die unabhängigen Prüfer der Krankenkassen testen zum Beispiel, ob der Patient Entscheidungen eigenständig fällen kann oder ob er in der Lage ist, komplexe Handlungen allein durchzuführen. 7,5 Prozent
    Verhaltensweisen und psychische Problemlagen In diesem Bereich werden neben motorischen auch andere Verhaltensauffälligkeiten berücksichtigt. Darüber hinaus wird geprüft, ob der Antragsteller an Ängsten, Depressionen oder zum Beispiel an Demenz erkrankt ist. 7,5 Prozent
    Selbstversorgung Hier wird festgestellt, ob sich der Antragsteller zum Beispiel selbst ankleiden, sich selbst versorgen oder für sich kochen kann. 40 Prozent
    Umgang mit krankheits- oder therapiebedingten Anforderungen An dieser Stelle kontrollieren die Prüfer des MDV zum Beispiel, ob der Patient Medikamente alleine einnehmen oder er sich einen Verband selbständig wechseln kann. 20 Prozent
    Gestaltung des Alltagslebens und soziale Kontakte Überprüft wird, ob der Antragsteller soziale Kontakte pflegt und mit anderen Personen „normal“ umgehen kann. Außerdem wird berücksichtigt, ob eine selbständige Tagesgestaltung möglich ist. 15 Prozent

    Pflegegrade 1, 2, 3, 4, 5: Definition & Leistung

    Die fünf neuen Pflegegrade sind seit Januar 2017 in Kraft gültig. Damit wird eingestuft, wie hoch die Alltagskompetenz und die Selbständigkeit der Antragsteller ist.

    Die Pflegegrade sind für körperlich wie geistig eingeschränkte Menschen wichtig, um zu ermitteln wie viel Geld sie aus der Pflegekasse für Betreuung und Pflege erhalten können.

    Für Pflegekräfte sollen sich durch die Umsetzung der Pflegereform ebenfalls Änderungen ergeben. So soll das Pflegestärkungsgesetz soll die fachlichen Grundlagen der täglichen Pflegearbeit verbessern. Zugleich soll damit das Umsetzen von neuen Pflegekonzepten in den jeweiligen Einrichtungen gefördert werden. Auf diese Weise soll wiederum die Pflegequalität steigen.

    Bis zum Jahr 2020 ist vom Gesetzgeber vorgesehen, dass die Personalbedarfsplanung optimiert wird, sodass den Betroffenen mehr Pflegekräfte zur Verfügung stehen.

    Die Voraussetzungen für die einzelnen Pflegegrade sind in Paragraph 15 des Sozialgesetzbuchs XI definiert.

    Geld und Sachleistungen der Pflegegrade

    Monatliche Leistungen bei ambulanter Pflege

    Pflegegrad PG 1 PG 2 PG 3 PG 4 PG 5
    Geldleistung ambulant   316 Euro 545 Euro 728 Euro 901 Euro
    Sachleistung ambulant   689 Euro 1.298 Euro 1.612 Euro 1.995 Euro


    Monatliche Leistungen bei teilstationärer und stationärer Pflege

    Pflegegrad PG 1 PG 2 PG 3 PG 4 PG 5
    Leistungsbetrag teilstationär   689 Euro 1.298 Euro 1.612 Euro 1.995 Euro
    Leistungsbetrag stationär  125 Euro 770 Euro 1.262 Euro 1.775 Euro 2.005 Euro

    Pflegegrad 1

    Keine Entsprechung in den Pflegestufen

    Der Pflegegrad 1 hat keine Entsprechung in den alten Pflegestufen. Er wurde neu eingeführt. Er wird in der Regel nur für neue Antragsteller ab 2017 gewährt.

    Voraussetzungen
    • Einstufung mit mindestens 12,5 Punkten durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung oder den MEDICPROOF bei privat Versicherten.
    • Die Selbständigkeit oder Fähigkeiten sind nur gering beeinträchtigt.
    Leistungen Pflegegeld von 125 Euro als Geldbetrag sowie 125 Euro für vollstationäre Tagespflege

     

    Pflegegrad 2

    Entsprechung in den Pflegestufen

    Der Pflegegrad 2 entspricht den Pflegestufen 0 und 1.

    Voraussetzungen
    • Einstufung mit mindestens 27 und weniger als 47,5 Punkten durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung oder den MEDICPROOF bei privat Versicherten.
    • Die Selbständigkeit ist erheblich beeinträchtigt.
    Leistungen Pflegegeld von 316 Euro, 689 Euro für Pflegesachleistungen und teilstationäre Pflege sowie 770 Euro für vollstationäre Pflege.

     

    Pflegegrad 3

    Entsprechung in den Pflegestufen

    Der Pflegegrad 2 entspricht den Pflegestufen 0 und 1.

    Voraussetzungen
    • Einstufung mit mindestens 27 und weniger als 47,5 Punkten durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung oder den MEDICPROOF bei privat Versicherten.
    • Die Selbständigkeit ist erheblich beeinträchtigt.
    Leistungen Pflegegeld von 316 Euro, 689 Euro für Pflegesachleistungen und teilstationäre Pflege sowie 770 Euro für vollstationäre Pflege.

     

    Pflegegrad 4

    Entsprechung in den Pflegestufen

    Der Pflegegrad 4 entspricht den Pflegestufen 3 und 2 mit eingeschränkter Alltagskompetenz.

    Voraussetzungen
    • Einstufung mit mindestens 70 und weniger als 90 Punkten durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung oder den MEDICPROOF bei privat Versicherten.
    • Die Selbständigkeit ist auf schwerste Weise beeinträchtigt.
    Leistungen Pflegegeld von 728 Euro, 1.612 Euro für Pflegesachleistungen und teilstationäre Pflege sowie 1.775 Euro für vollstationäre Pflege.

     

    Pflegegrad 5

    Entsprechung in den Pflegestufen

    Der Pflegegrad 5 entspricht der Pflegestufe 3 mit eingeschränkter Alltagskompetenz sowie Härtefällen.

    Voraussetzungen
    • Einstufung mit mindestens 90 und maximal 100 Punkten durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung oder den MEDICPROOF bei privat Versicherten.
    • Die Selbständigkeit ist schwerstens beeinträchtigt. Es bestehen außerdem besondere Anforderungen für die pflegerische Versorgung.
    Leistungen Pflegegeld von 901 Euro, 1.995 Euro für Pflegesachleistungen und teilstationäre Pflege sowie 2.005 Euro für vollstationäre Pflege.

     

    Pflegegrade beantragen

    Damit Leistungen aus der Pflegeversicherung abgerufen werden können, müssen Betroffene einen Antrag stellen. Dieser Antrag wird bei der zuständigen Pflegekasse eingereicht. Der Antrag ist somit die Voraussetzung für einen erfolgreichen Bezug von Pflegegeld.

    Bestand bereits eine Pflegestufe, wurde in der Regel eine automatische Umwandlung in einen entsprechenden Pflegegrad vorgenommen. Bei Neuanträgen wird der Pflegegrad über das Bewertungssystem NBA durch Gutachter des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) oder bei privat Versicherten durch den MEDICPROOF vorgenommen.

    Der Antrag wird schriftlich mit Hilfe eines Formulars bei der zuständigen Pflegekasse eingereicht. Innerhalb von maximal fünf Wochen nach dem Besuch des Gutachters erhalten Antragsteller eine Antwort mit dem ermittelten Pflegegrad.

    ANtragstellung telefonisch und bei "Pflegestützpunktenen" möglich

    Der Antrag kann auch telefonisch gestellt werden. In diesem Fall erhalten Sie das Formular anschließend per Post von der Pflegekasse zugeschickt.

    Die Antragstellung ist außerdem bei einem sogenannten „Pflegestützpunkt“ möglich. Diese Einrichtungen der Sozialkassen und -träger beraten Sie und helfen Ihnen bei der Antragstellung.

    Checkliste: Das sollten Sie beim Antrag beachten

    • Rechtzeitig beantragen
      Die Leistungen aus der Pflegeversicherung werden nur auf Antrag und ab dem Monat der Antragstellung gewährt. Da die Bewilligung des Antrags länger dauert, werden die Leistungen jedoch rückwirkend zum Monat der Antragstellung gezahlt.
    • Angehörige miteinbeziehen
      Die Entscheidung, Pflegegeld zu beantragen, ist ein wichtige Wahl. Beraten Sie sich innerhalb des Kreises der Angehörigen im Vorfeld.
    • Behandelnde Ärzten befragen
      Sprechen Sie mit Ärzten, die Ihren Angehörigen behandeln oder behandelt haben und lassen Sie sich eine Einschätzung geben.
    • Unterlagen und Dokumente sammeln
      Mit Gutachten, ärztlichen Befunden, Röntgenbildern und anderen Dokumenten können Sie die Gutachter bei der Einstufung unterstützen.
    • Von Pflegediensten beraten lassen
      Nutzen Sie die Möglichkeit einer Beratung durch einen ambulanten Pflegedienst. Die Dienstleister kennen meist den Bedarf und können eine erste Einschätzung zum möglichen Pflegegrad abgeben.
    • Pflegestützpunkt aufsuchen
      Nutzen Sie die Fachkompetenz der Pflegestützpunkte sozialer Träger. Die Beratung dort ist in der Regel kostenlos.
    • Pflegetagebuch führen
      In einem sorgfältig geführten Pflegetagebuch können Sie selbst über den Bedarf an täglicher Pflege sowie den Zustand des Angehörigen dokumentieren.
    • Personen zum Begutachtungstermin hinzuziehen
      Empfehlenswert ist es, dass eine Pflegeperson oder ein ambulanter Pflegedienst beim Begutachtungstermin des MDK dabei ist.

    Entschädigung bei Verzögerung

    Nach Antragstellung und Begutachtung der betroffenen Person muss die Pflegekasse innerhalb von fünf Wochen eine Einstufung vornehmen.

    Tut die Kasse das nicht, steht Ihnen pro Woche Verzögerung eine Entschädigung von 70 Euro zu. Für die Frist zählt der Posteingang des Antrags bei der Pflegekasse.

    Was tun bei Ablehnung des Antrags?

    Eine gängige Richtgröße ist, dass rund ein Drittel aller Anträge auf einen Pflegegrad erst einmal von der Pflegekasse abgelehnt werden. In diesem Fall haben Betroffene das Recht zum Widerspruch. Hierfür besteht eine Frist von vier Wochen.

    Der Widerspruch kann durch die Versicherten und Betroffenen ausgeübt werden. Ebenso können schriftlich Bevollmächtigte, gesetzlich bestellte Betreuer sowie eine Pflegeperson im häuslichen Bereich Widerspruch einlegen.

    Um den Widerspruch zu begründen, können zusätzliche Dokumente nachgeliefert werden. Ein Pflegetagebuch kann wichtige Hinweise auf einen Pflegebedarf liefern. So scheitern Anträge auf Pflegegrade meist daran, dass die Betroffenen laut Gutachten nur in geringem Maße auf fremde Hilfe angewiesen sind.

    Nach dem Widerspruch schickt die Pflegekasse erneut einen Gutachter, um die Pflegebedürftigkeit festzustellen. Dabei muss es sich um einen Gutachter handeln, der nicht die erste Prüfung durchgeführt hat.

    Unterstützung durch das Sozialamt

    Wenn die Leistungen durch die Pflegekasse abgelehnt werden, können Betroffene mit zu geringem Einkommen einen Antrag beim Sozialamt stellen. Diese leistet dann Unterstützung im Rahmen der „Hilfe zur Pflege“. Voraussetzung ist außerdem, dass unterhaltspflichtige Angehörige die Unterstützung ebenfalls nicht finanziell übernehmen können und die betroffene Person kein Vermögen hat, das für die Bezahlung der Pflege eingesetzt werden kann.

    Vor- und Nachteile

    Vorteile Nachteile
    • Durch die Einführung der Pflegegrade haben sich die Begutachtungskriterien verändert. Auf diese Weise haben seit 2017 mehr Betroffene Zugang zu Pflegegeldern.
    • Zugleich werden psychische und körperliche Leiden in Bezug auf die Selbständigkeit gleichgestellt. Somit haben pflegebedürftige Menschen mit psychischen Leiden seit Umsetzung der Pflegereform einen Anspruch auf Leistungen.
    • Durch die Einführung des Pflegegrads 1 können nun schon Betroffene ohne körperliche Einschränkung Pflegeleistungen erhalten.
    • Jeder Bezugsberechtigte erhält einen Pflegeberater.
    • Die fünfstufige Gliederung des Bedarfs berücksichtigt die Alltagskompetenz besser.
    • Es gibt einen einheitlichen Eigenanteil innerhalb der Pflegegrade 2 bis 5. Er steigt nicht mit der Höherstufung des Pflegegrades.
    • Im Zuge der Umsetzung des Pflegestärkungsgesetzes II steigen die Beiträge für die Pflegeversicherung um 0,2 Prozent.
    • Wer bisher in der Pflegestufe 3 eingeteilt war, kommt in den Pflegegrad 4, erhält aber den gleichen Pflegegeldbetrag.
    • Durch die Vereinheitlichung des Eigenanteils müssen manche Bewohner von Pflegeheimen nun mehr bezahlen.

     

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