Stresstest: Wie sinnvoll ist er für Banken?

Autor: FinanceScout24 - Zuletzt aktualisiert am 05.12.2016

Nach der Finanzkrise 2007 und dem drohenden Zusammenbruch des Bankensystems hat der Gesetzgeber mit viel Geld des Steuerzahlers eingegriffen, um das Schlimmste zu verhindern. Damit vor allem sogenannte systemkritische Banken nicht mehr in eine solche Schieflage geraten können, wurde das Instrument des Banken-Stresstests eingeführt. Was genau es mit dem Stresstest für Banken auf sich hat und welche Sicherheit er den Kunden bringt (oder auch nicht), erklärt FinanceScout24 Ihnen in diesem Artikel.

Worum es beim Stresstest geht

Den Begriff „Stresstest“ gibt es schon seit vielen Jahren – ursprünglich ging es dabei meist um medizinische Untersuchungen, bei denen der Patient buchstäblich auf „Herz und Nieren“ geprüft wurde. Der Proband wird im Rahmen eines medizinischen Stresstests körperlichen oder geistigen Stresseinflüssen ausgesetzt, die dann eine messbare Reaktion hervorrufen sollen.

Das Konzept des Stresstests lässt sich allerdings nicht nur bei biologischen Organismen anwenden, sondern auch in anderen Bereichen. Ähnlich wie Feuerwehrübungen oder Katastrophensimulationen sind in bestimmten Bereichen Stresstests sogar gesetzlich vorgeschrieben. Die bekanntesten dürften hier – neben den Banken-Stresstests – die Überprüfungen von Atomkraftwerken sein. Man merkt rasch, dass es bei einem Stresstest immer darum geht, möglicherweise katastrophale Auswirkungen bestimmter Szenarien frühzeitig zu erkennen, um dann entsprechende Präventionsmaßnahmen treffen zu können.

Beim Stresstest für Banken werden die finanzielle Leistungsfähigkeit der Bank, die Risiken von Investitionen und der Geschäftspolitik sowie weitere Risikofaktoren überprüft. Vom Ergebnis erhoffen sich sowohl die Banken als auch die Aufsichtsbehörden Rückschlüsse über die tatsächliche Stabilität der einzelnen Banken beziehungsweise des Bankensystems insgesamt. Durch genaue Auswertung der Banken-Stresstest-Ergebnisse können dann entsprechende Maßnahmen eingeleitet werden, um erkannte Probleme zu beheben.

Durchführung der Bankenstresstests

Geprüft werden bei Banken-Stresstests – je nach Testebene – entweder einzelne Kreditinstitute oder auch ganze Branchen. Deswegen unterscheidet man zwischen sogenannten Mikro-Stresstests und Makro-Stresstests.

Mikro-Stresstests können sowohl intern von den Kreditinstituten in Eigenverantwortung durchgeführt als auch durch Regulierungsstellen angeordnet werden – zum Beispiel durch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) oder durch die Europäische Zentralbank (EZB).

Makro-Stresstests hingegen werden immer von externen Stellen durchgeführt. Hierzu zählen beispielsweise die Deutsche Bundesbank, die FINMA (Finanzmarktaufsicht der Schweiz; oft in Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Nationalbank (SNB)) oder die britische Financial Services Authority (FSA) sowie die amerikanische Federal Reserve (FED).

Banken-Stresstests werden also nicht nur in Deutschland oder der EU, sondern in vielen Ländern weltweit durchgeführt, um entsprechende Standards auf den Finanzmärkten durchzusetzen. Durch die externen Banken-Stresstests soll sichergestellt werden, dass die in Eigenregie durchgeführten Mikro-Stresstests einzelner Häuser nicht durch wohlwollende Selbstbewertungen verwässert werden und bei den Tests bestimmte Mindeststandards erfüllt sind.

Der erste große Makro-Stresstest wurde im Jahr 2009 in den USA durchgeführt und umfasste 19 Großbanken. Zwar gab es schon seit 1999 mehrere kleinere Stresstests, doch die Finanzkrise von 2007 war Anlass, die Testvorgaben und Strukturen für Banken-Stresstests neu zu überdenken, um deren Aussagekraft zu erhöhen. Frühere Stresstests hatten nämlich nicht vor den Auswirkungen der Immobilienkrise in den USA gewarnt, weil deren Bedeutung unterschätzt wurde. Grund dafür waren zu günstige Annahmen hinsichtlich der Kreditwürdigkeit der an der Immobilienblase beteiligten Großbanken. Um die Selbstkontrollen der Banken nachhaltig zu überprüfen, führte man zu dieser Zeit auch das Instrument der Vergleichs-Stresstests ein.

Erste Stresstests nicht immer aussagekräftig

Angesichts der Finanzkrise führte auch die Europäische Union 2009 erstmals einen EU-weiten Banken-Stresstest durch, bei dem 21 Institute unter die Lupe genommen wurden. 2010 wurden bereits 91 Banken dem Stresstest der EU unterzogen. Simuliert wurden Ereignisse wie eine sehr starke Rezession in Verbindung mit einem Einbruch an den Finanzmärkten. Um den Test zu bestehen, mussten die geprüften Banken stets noch eine Kernkapitalquote von wenigstens 6 Prozent nachweisen können. Diese Quote gibt an, welcher Anteil der risikotragenden Investitionen ausfallen kann, bevor das Kreditinstitut durch Aufzehrung des haftenden Eigenkapitals in größte Schwierigkeiten gerät. Sieben Institute fielen beim ersten Test der EU durch.

Die Ergebnisse späterer Banken-Stresstests waren besser, allerdings wurden nicht immer alle möglichen Problemstellungen berücksichtigt. So wurde 2011 ein weiterer europäischer Stresstest durchgeführt, den zypriotische Banken problemlos bestanden, obwohl sie einen hohen Anteil an griechischen Staatsanleihen besaßen. Da man die Möglichkeit eines Ausfalls von Staatsanleihen nicht einkalkuliert hatte, holte die Realität die Simulation bald ein und zeigte, dass man nichts wirklich ausschließen darf. Stresstests können sowohl mit als auch ohne vorherige Ankündigung durchgeführt werden; meist geben die EZB oder andere Stellen jedoch vorher bekannt, ob ein Stresstest für Banken im betreffenden Jahr durchgeführt wird oder nicht.

Kostenübernahme bei Stresstests

Der letzte große Banken-Stresstest fand in Europa 2014 statt. Die Kosten für einen solchen Belastungstest sind enorm, denn die EZB beauftragt in ganz Europa zahlreiche Gutachter und Berater, die dann die Leistungsfähigkeit der zu überprüfenden Geldinstitute testen. Diese Kosten müssen von den überprüften Banken selbst getragen werden. Wie hoch sie genau ausfallen, hängt natürlich maßgeblich von der Größe der Bank und dem Umfang des Stresstests ab.

Neben dem bereits erwähnten, externen Personalaufwand durch Gutachter und Berater fallen für die Banken erhebliche Nebenkosten an, da natürlich auch Mitarbeiter der Kreditinstitute durch den Stresstest gebunden sind. Bei der HSH Nordbank, einer Landesbank, waren 2014 beispielsweise bis zu 60 Kontrolleure im Auftrag der EZB tätig, was für die Betriebsabläufe natürlich eine erhebliche Belastung bedeutete. Im Herbst 2014 schätzte die HSH Nordbank die finanzielle Belastung auf rund 13 Millionen Euro. Experten gehen davon aus, dass der europaweite Stresstest der Banken circa eine Milliarde Euro gekostet hat.

Ablauf eines Stresstests

Der genaue Ablauf eines Banken-Stresstests unterscheidet sich von Fall zu Fall, da der Test an das entsprechende Szenario angepasst wird, außerdem spielt die Größe der überprüften Bank eine wichtige Rolle. Normalerweise sind an einem solchen Test tausende Experten beteiligt. Bei einem Test im Dezember 2013 ging es vor allem um Kredite und die Frage, ob Kreditnehmer ihre Schulden zurückzahlen können. Die Vorgabe für die Eigenkapitalquote lag hier für die Banken bei acht Prozent. Das bedeutet, dass die Banken in der Lage sein müssen, acht Prozent ihrer gesamten Risiken mit eigenem Geld aufzufangen, falls Kreditausfälle eintreten. Danach führte die EZB den eigentlichen Stresstest in Form zweier Szenarien durch. Der genaue Ablauf war wie folgt:

  • Überprüfung der Risiken in Bankbilanzen
  • Prüfung der Werthaltigkeit von Krediten
  • Überprüfung im Rahmen des Basis-Szenarios
  • Überprüfung im Rahmen des Krisen-Szenarios
  • Auswertung der Ergebnisse
  • Einleitung von Maßnahmen bei Nichtbestehen

Der eigentliche Stresstest besteht also aus zwei Teilen: Dem Basis-Szenario, das eher den „normalen“ Alltagsproblemen im Wirtschaftsleben entspricht, und dem Krisen-Szenario – dem wirklich kritischen Teil des Tests. Hier wird geprüft, wie eine Bank reagiert, wenn es extrem starke Einbrüche an den Finanzmärkten gibt, die Konjunktur einbricht oder andere drastische Ereignisse eintreten, die vorher nicht absehbar waren. Die EZB verlangt, dass selbst in einem solchen Fall noch eine Eigenkapitalquote von mindestens 5,5 Prozent erreicht werden muss.

Konsequenzen bei Nichtbestehen

Sollte eine Bank den Stresstest nicht bestehen, muss sie ihr Eigenkapital aufbessern, um die geforderte Mindestquote zu erreichen. Zunächst muss sie innerhalb von zwei Wochen nach Bekanntgabe der EZB-Stresstest-Ergebnisse erklären, wie diese Quote erreicht werden soll. Für die Umsetzung der Maßnahmen hat die Bank im Anschluss maximal neun Monate Zeit. Kann das geforderte Kapital danach nicht aufgebracht werden, droht dem Finanzinstitut theoretisch die Schließung. Allerdings soll dies laut Angaben der EZB ein sehr unwahrscheinliches Szenario sein, da viele Banken in dieser Hinsicht bessere Vorkehrungen getroffen haben.

Insgesamt haben die europäischen Banken ihre Reserven um etwa 200 Milliarden Euro aufgebessert, so die EZB. Über eine Abwicklung entscheidet zudem nicht die EZB alleine, sondern ein Gremium aus Vertretern der EU-Kommission, nationalen Aufsichtspersonen sowie Beobachtern der EZB. Europaweit gibt es immer wieder Wackelkandidaten, bei denen die Gefahr besteht, dass sie den Stresstest nicht bestehen. Hierzu zählen vor allem Institute in Italien, Zypern und Griechenland, aber auch einige Banken in Frankreich. Insgesamt sind beim Stresstest 2013 aber nur wenige Banken durchgefallen. Sämtliche deutschen Banken haben die letzten Stresstests bestanden, wenngleich es auch hier immer wieder Wackelkandidaten gibt.

Droht eine Bank durchzufallen, kann sie sich das benötigte Eigenkapital auf verschiedene Arten beschaffen: Staatshilfen sind grundsätzlich denkbar, doch derart begünstigte Banken müssen dann den Wettbewerbsvorteil gegenüber der Konkurrenz durch Stilllegung bestimmter Geschäftsbereiche ausgleichen. Daher empfiehlt die EZB betroffenen Instituten, sich das Geld durch Investoren auf dem Privatsektor zu besorgen.

Bedeutung von Banken-Stresstests für Endkunden

Für private Endkunden stellt sich natürlich die Frage, welche Bedeutung die Ergebnisse solcher Stresstests für Großbanken letztlich für den Verbraucher haben. Der eigentliche Sinn der Stresstests ist es, Risiken frühzeitig zu erkennen, sodass keine Steuergelder mehr für Rettungsaktionen aufgewendet werden müssen. Zudem soll ein gemeinsamer Rettungsfonds aller Banken geschaffen werden, damit Abwicklungen von Kreditinstituten notfalls von den Banken alleine gestemmt werden können. Tatsächlich wird dieser Fonds aber erst ab 2016 zur Verfügung stehen, weswegen theoretisch bis dahin noch immer Finanzhilfen der öffentlichen Hand nötig sein können. Dies soll aber laut EZB nur in Ausnahmefällen passieren, wenn etwa grundlegende Gefahren für Volkswirtschaften oder das gesamte Finanzsystem bestehen würden.

Achtung:Geldanlage im Ausland

Informieren Sie sich besonders bei ausländischen Geldanlagen über das Abschneiden der jeweiligen Bank beim Stresstest. Die Einlagensicherung bietet zwar ein Mindestmaß an Sicherheit, greift aber nicht im gleichen Umfang in allen Ländern und kann bei manchen Anlageformen ganz ausgeschlossen oder stark eingegrenzt sein. Der Stresstest ist ein wichtiger Indikator für das Ausfallrisiko bestimmter Institute.

Für den Endkunden sind die Großbanken-Stresstests in der Regel von eher nachrangiger Bedeutung, da die meisten kleinen Banken nicht vom Test erfasst werden. Anders sieht dies aus, wenn einzelne Banken sich zu Institutsgruppen zusammenschließen, wie etwa die Volksbanken. Diese gehen dann in einem gemeinsamen Zentralinstitut auf, das ebenfalls getestet wird. Gibt es hier Probleme beim Banken-Stresstest, müssten die kleinen Institute Geld nachschießen, um das Zentralinstitut zu retten. Im Falle der Volks- und Raiffeisenbanken wurde das Kapital der gemeinsamen DZ-Bank daher bereits um 1,5 Milliarden Euro aufgestockt.

Für Endkunden läuft es letztlich immer auf die Frage hinaus, ob die Einlagen auf Sparkonten und andere Investitionen sicher sind. Hier gilt generell, dass die üblichen gesetzlichen Vorgaben des jeweiligen Lands in jedem Fall greifen. Für den Fall, dass tatsächlich Banken vor dem Aus stehen und die Einlagen auch nicht über die gemeinsamen Sicherungsfonds garantiert werden können, würde mit hoher Wahrscheinlichkeit der Staat einspringen. Einen solchen Fall halten Experten aber für extrem unwahrscheinlich. Wichtig für Endkunden ist es – ganz unabhängig vom Ergebnis eines Stresstests – auf die genauen Bedingungen für die Einlagensicherung bei den unterschiedlichen Anlageformen zu achten, denn hier kann es je nach Standort der Bank sowie dem gekauften Produkt Unterschiede geben.

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