Was ist der EONIA Zinssatz?

Autor: FinanceScout24 - Zuletzt aktualisiert am 05.12.2016

EONIA (Euro Overnight Index Average) ist der durchschnittliche Zinssatz, zu dem zwischen Banken innerhalb der Eurozone unbesicherte Euro-Tagesgelder gehandelt werden. Der EONIA wird seit Anfang 1999 vom europäischen Bankenverband European Banking Federation (EBF) unter Mitwirkung der Europäischen Zentralbank (EZB) an jedem Bankarbeitstag berechnet. Heute ist er weltweit als maßgeblicher Zinsindex für kurzfristige Euro-Geldmarktkredite anerkannt. Tagesgelder und kurzfristige Anlagen werden ebenso durch die Entwicklung des EONIA beeinflusst wie die Zinssätze für variabel verzinste Kredite.

Geschichtliches zum EONIA

Mit der Einführung des Euro als Gemeinschaftswährung im Jahr 1999 wurden zeitgleich die Referenzzinssätze EONIA (für eintägige Ausleihungen, „Overnight“-Kredite) und EURIBOR (für Geldmarkt-Produkte mit Laufzeiten bis zu zwölf Monaten) geschaffen, die der Vereinheitlichung der Geldmärkte der EU-Mitgliedsstaaten dienen sollten. Bei seiner Einführung im Januar 1999 lag der EONIA-Zinssatz bei 3,20 Prozent. Anschließend stieg der Referenzzinssatz bis Anfang 2001 auf 5,75 Prozent, seinen bisher höchsten Wert. Nach einem Rückgang Ende 2004 auf 1,72 Prozent kam es bis Oktober 2008 zu einem erneuten Anstieg auf 4,60 Prozent.

Im Zuge der weltweiten Finanzkrise leiteten die Notenbanken eine extrem expansive Geldpolitik ein – Geldmengenwachstum und Niedrigzinspolitik ließen den EONIA bis Juni 2009 auf nur noch 0,299 Prozent fallen. Nach einem Zwischenanstieg bis Mitte 2011 auf etwa 1,7 Prozent erreichte der EONIA-Satz im August 2014 erstmals einen negativen Wert und gleicht damit einem Strafzins. Anfang April 2015 lag der EONIA bei -0,080 Prozent.

Die Bedeutung für Anleger und Kreditnehmer

Die Entwicklung des EONIA hat unmittelbaren Einfluss auf kurzfristige Geldanlagen wie Tagesgelder und Spareinlagen, aber auch auf die Zinskosten variabel verzinster Kredite. So sind die Guthabenzinsen für Tagesgelder mit dem EONIA seit 2008 praktisch kontinuierlich gesunken. Trotz eines derzeit negativen EONIA werden für kurzfristige Geldanlagen zumeist aber noch geringe Habenzinsen gezahlt.

In einigen Marktsegmenten, wie etwa bei großvolumigen Einlagen von Firmenkunden, sind manche Kreditinstitute allerdings bereits zur Berechnung von Negativzinsen übergegangen. In Darlehensverträgen wird der EONIA oft als Referenzzinssatz für den berechneten Darlehenszins festgelegt. Schwankungen des EONIA wirken sich dann unmittelbar auf die Zinsbelastung des Kreditnehmers aus.

Der Kreditzinssatz wird in der Regel durch einen einfachen Zinszuschlag auf den aktuellen EONIA-Zinssatz ermittelt. Da der EONIA arbeitstäglich neu berechnet wird, verändern sich auch die Zinsen für variable Kreditinanspruchnahmen fortlaufend – ähnlich einem Kredit, der bis auf Weiteres gewährt wird. Möglich ist aber auch die Vereinbarung einer Kreditverzinsung, die zum Zeitpunkt der Kreditvergabe auf EONIA-Basis festgelegt wird und dann für die gesamte Kreditlaufzeit gilt.

Neben den von den Privatbanken angebotenen Kapitalanlagen, die durch den EONIA beeinflusst werden, gibt es mit der unbefristeten Tagesanleihe der Bundesrepublik Deutschland (WKN 103007) auch ein staatliches Anlageprodukt, dessen Zinssatz unmittelbar an den Interbanken-Zinssatz EONIA gekoppelt ist. Es handelt sich dabei um ein täglich verzinstes, täglich veräußerbares und mündelsicheres Geldanlageprodukt.

Gut zu wissen:Tagesanleihen weiterhin verfügbar

Die Ausgabe neuer Anteile an der Tagesanleihe wurde zwar zum 31.12.2012 offiziell eingestellt. Allerdings können Inhaber von Bundeswertpapieren mit einem bei der Finanzagentur der Bundesrepublik Deutschland geführten Schuldbuchkonto ihre Erträge aus Bundeswertpapieren weiterhin in der Tagesanleihe anlegen, wenn sich ihre Bundeswertpapiere auf diesem Schuldbuchkonto befinden.

Der Tageszinssatz der Tagesanleihe errechnet sich wie folgt:

  • Beträgt der Referenzwert 2 Prozent oder weniger, so gilt als Tageszinssatz der Referenzwert abzüglich 0,15 Prozentpunkte.
  • Bei einem Referenzwert über 2 Prozent und unter 6 Prozent entspricht der Tageszinssatz 92,5 Prozent des EONIA-Referenzwerts.
  • Bei einem Referenzwert ab 6 Prozent entspricht der Tageszinssatz dem Referenzwert abzüglich 0,45 Prozentpunkte.

Neben den oben genannten Anlageformen gibt es auch sogenannte EONIA-ETFs (Exchange Traded Funds), die die Entwicklung des EONIA möglichst exakt nachbilden. ETFs werden meistens passiv verwaltet, das Anlagevermögen wird also nicht aufgrund eigener Markteinschätzungen investiert, sondern anhand einer Benchmark (etwa dem EONIA-Index). Kostspielige Umschichtungen des Anlagevermögens werden so auf ein Mindestmaß reduziert.

Bei einem Kosten- und Renditevergleich zwischen Tagesgeldanleihe und EONIA-ETF sollten Sie allerdings die jährlich anfallende ETF-Verwaltungsgebühr sowie die Transaktionskosten berücksichtigen. Zudem ist das Ausfallrisiko bei der Tagesanleihe deutlich niedriger als bei EONIA-ETFs. Der EONIA dient auch bei sogenannten EONIA-Zinsswaps als Grundlage. Zinsswaps sind vor allem für institutionelle Anleger von Interesse. Ein Zinsswap ist ein Zinsderivat, bei dem die Geschäftspartner vereinbaren, zu vertraglich festgelegten Zeitpunkten Zinszahlungen auf bestimmte Nennbeträge auszutauschen. Die Zinszahlungen werden meist so festgesetzt, dass eine Partei einen Festzinssatz zahlt, die andere Partei hingegen einen variablen Zins entrichtet (Plain Vanilla Swap).

Der EONIA als Krisenindikator

Ein hoher oder kurzfristig stark steigender EONIA-Zinssatz signalisiert Knappheit am Geldmarkt. Wenn sich Banken nicht mehr über den Geldmarkt finanzieren können, so kann dies zu einer akuten Bedrohung einer Volkswirtschaft führen. Fehlende Banken-Liquidität stellt eine unmittelbare Gefahr für die Liquidität aller Firmen- und Privatkunden des betreffenden Kreditinstituts dar. Wegen der vielfältigen wirtschaftlichen Verflechtungen können aber auch weitere Banken schnell in Mitleidenschaft gezogen werden.

Bei hohen EONIA-Sätzen wird die Zentralbank daher in der Regel mit einer besonders expansiven Geldpolitik für eine ausreichende Geldversorgung des Finanzsektors sorgen. Besonders niedrige EONIA-Zinssätze deuten hingegen grundsätzlich auf eine mögliche Überversorgung der Volkswirtschaft mit Liquidität hin. Eine überbordende Geldmenge kann – gerade in Verbindung mit einer hohen Geldumlaufgeschwindigkeit – die Geldwertstabilität gefährden.

Berechnung des EONIA-Zinssatzes

Die EONIA-Berechnung erfolgt nach den Regeln des „EONIA Code of Conduct“, der vom europäischen Bankenverband EBF entwickelt wurde. Der EONIA wird an jedem Bankarbeitstag ermittelt, nicht also an Wochenenden und Feiertagen. Datengrundlage der EONIA-Berechnung sind die Tagesmeldungen ausgewählter Kreditinstitute („Panel-Banken“) über die Zinssätze der von ihnen am Interbankenmarkt abgeschlossenen Euro-Overnight-Geschäfte.

Zwecks Erstellung ihrer Tagesmeldung berechnen die Panel-Banken das Gesamtvolumen ihrer Tagesumsätze mit unbesicherten Overnight-Geldern und ermitteln den nach dem Volumen der einzelnen Geschäfte gewichteten Durchschnittszinssatz. Da es sich bei den Zinsinformationen der Panel-Banken um vertrauliche Geschäftsinformationen handelt, führt die Europäische Zentralbank (EZB) als neutrale Stelle die EONIA-Berechnung durch.

Derzeit gehören 35 Kreditinstitute zur Gruppe der EONIA-Panel-Banken, darunter 32 Institute aus der Eurozone, eine EU-Bank außerhalb der Eurozone und zwei Nicht-EU-Banken. Die Panel-Banken übermitteln der EZB ihre EONIA-Informationen arbeitstäglich bis 18:30 Uhr. Bis 19:00 Uhr ist eine bankseitige Korrektur dieser Informationen noch möglich. Ab diesem Zeitpunkt berechnet die EZB den EONIA-Tageswert auf drei Nachkommastellen genau. Bei der EONIA-Berechnung eliminiert die EZB die fünfzehn höchsten und fünfzehn tiefsten der von den Panel-Banken gemeldeten Tagesgeldwerte.

Aus den verbliebenen, nach Volumen gewichteten Zinssätzen berechnet die EZB den Durchschnittswert, der den aktuellen EONIA-Wert darstellt. Den ermittelten, aktuellen EONIA-Zinssatz leitet die EZB an die Nachrichtenagentur Reuters weiter. Wer Zugriff auf den Reuters-Datenpool hat, kann den neuesten EONIA-Satz bereits am Berechnungstag gegen 19 Uhr der Reuters-Bildschirmseite „EONIA“ und unter dem Reuters-Ric „EONIA=“ entnehmen.

Aus lizenzrechtlichen Gründen erfolgt eine weitergehende Veröffentlichung des EONIA-Satzes (etwa auf den Webseiten von EZB und EBF) erst am darauffolgenden Bankarbeitstag. An der Börse wird der EONIA-Kurs unter der Internationalen Wertpapier-Identifikations-Nummer ISIN EU000659945 beziehungsweise unter der Wertpapier-Kennnummer 965994 notiert.

Gut zu wissen:Die genaue Methodik der EONIA-Zinsberechnung

Die Panel-Banken ermitteln die der EONIA-Berechnung zugrundeliegenden Tagesgeld-Zinsdaten nach der Zinsberechnungsmethode ACT/360 (auch „französische Zinsmethode“ oder „Eurozinsmethode“). „ACT“ steht für „actual“, also effektiv abgeschlossen. Es fließen demnach nur tatsächlich durchgeführte Geldmarktgeschäfte in die EONIA-Berechnung ein. Bei der ACT/360-Methodik erfolgt zwar eine kalendergenaue Bestimmung des Zinsjahres (welches somit 365 beziehungsweise 366 Zinstage aufweist), jedoch werden die Zinsen pro Zinstag so berechnet, als hätte das Zinsjahr nur 360 Tage. Bei der Eurozinsmethode erfolgt eine Verzinsung des ersten Anlagetags, während der letzte Anlagetag zinsfrei bleibt.

EONIA-Panel-Banken

EONIA-Panel-Banken sollen über ein erstklassiges Kreditstanding verfügen und aktiv an den Geschäften auf dem Euro-Interbankenmarkt beteiligt sein. Die Anzahl der Panel-Banken ist nicht abschließend festgelegt. Artikel 2 des „EONIA Code of Conduct“ bestimmt lediglich, dass die Anzahl der Panel-Banken hoch genug sein muss, um den Geldmarkt der Eurozone unter ausreichender geographischer Diversifizierung zuverlässig zu repräsentieren und dabei so niedrig sein soll, dass die Erhebung des EONIA effizient erfolgen kann. Das von der EBF und der Finanzmarktorganisation ACI eingesetzte EONIA-Steuerungs-Komitee entscheidet über die Auswahl von Panel-Banken.

Zinssätze in Europa: EONIA, EURIBOR und LIBOR

Der Referenzzinssatz EURIBOR (Euro Interbank Offered Rate) gibt den durchschnittlichen Interbanken-Zinssatz für länger laufende Geldmarktanlagen wieder. Der EURIBOR löste Anfang 1999 nationale Referenzzinssätze wie den deutschen FIBOR (Frankfurt Interbank Offered Rate) ab. Damit erhielt der EURIBOR den Status eines Interbanken-Geldmarktzinssatzes für die gesamte Eurozone.

Auch der EURIBOR bildet die Basis für Zinssätze verschiedener Anlage- und Kreditprodukte. Wie der EONIA wird auch der EURIBOR seit dem 1. Januar 1999 an allen Bankarbeitstagen ermittelt – für Geldanlagen mit ein-, zwei- oder dreiwöchiger Laufzeit sowie für alle Monatslaufzeiten zwischen einem und zwölf Monaten. Seit November 2013 werden jedoch nur noch EURIBOR-Zinssätze für die Laufzeiten ein und zwei Wochen sowie für ein, zwei, drei, sechs, neun und zwölf Monate veröffentlicht. Da der EONIA den Referenzzinssatz für Euro-Geldmarktgeschäfte mit eintägiger Laufzeit darstellt, wird er auch als „Ein-Tages-EURIBOR“ bezeichnet.

Der LIBOR (London Interbank Offered Rate) ist der täglich berechnete Referenzzinssatz für bis zu zwölfmonatige Geldmarktgeschäfte zwischen den wichtigsten international tätigen Banken. LIBOR-Zinssätze werden in zehn verschiedenen Währungen notiert.

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