Pay-as-you-drive-Tarife: Für achtsame Autofahrer

Autor: FinanceScout24 - Zuletzt aktualisiert am 05.12.2016

Etliche Kfz-Versicherer gehen mit der Zukunft und nutzen Telematik zur Risikoabschätzung. So können Autofahrer mit angepasstem Fahrverhalten von niedrigeren Tarifen und Rabatten profitieren. Dabei gelten junge Fahrer mit wenig Fahrpraxis als priorisierte Zielgruppe.

Was in Deutschland noch als neuartige Methode zur individuellen Tarifbestimmung angesehen wird, ist in anderen Ländern, etwa Spanien und Großbritannien, bereits üblich. Doch lohnt sich der „Pay as you drive“-Tarif (PAYD-Tarif) für jeden Autofahrer? Und hat das Modell zukünftig Bestand in der deutschen Versicherungslandschaft?

Was ist Pay as you drive?

Zahle, wie du fährst – die Pay-as-you-drive-Tarife ermöglichen Autofahrern, für eine umsichtige Fahrweise belohnt zu werden. Dieses System wird auch Telematik-Tarif genannt: Die Begrifflichkeit setzt sich aus den Wörtern „Telekommunikation“ und „Informatik“ zusammen.

Das Pay-as-you-drive-System gehört zur Kfz-Versicherung. Dabei bemessen sich die Versicherungsbeiträge am Fahrverhalten, das anhand von Fahrparametern erhoben wird. Unter diese Parameter fallen unter anderem:

  • Die Bremsdauer
  • Stadt- und Nachtfahrten
  • Die Geschwindigkeit
  • Rasantes Anfahren
  • Abruptes Abbremsen

Zur Erfassung der Parameter können die folgenden Varianten genutzt werden:

  1. Es wird eine GPS-Blackbox im Motorraum oder Kofferraum des Fahrzeugs installiert. Diese speichert die Daten und übermittelt sie an die Kfz-Versicherung zur Auswertung. Ein solcher Datenspeicher kostet derzeit zwischen 500 und 1.000 Euro.
  2. Der Kunde installiert eine App der Kfz-Versicherung auf seinem Smartphone. Durch die Telematik können die Daten über das Smartphone gespeichert und übermittelt werden. Die App ist häufig kostenlos, allerdings muss in den meisten Fällen eine Kfz- sowie eine Unfallversicherung beim entsprechenden Anbieter abgeschlossen werden.

Das Prinzip hinter Pay-as-you-drive ist leicht verständlich: Vorsichtige Autofahrer verursachen zumeist weniger Unfälle, was wiederum den Kfz-Versicherern zugutekommt.

Berechnung der Beiträge

Nachdem sich der Fahrer für einen Telematik-Tarif entschieden hat, beginnt er, Punkte zu sammeln. Der Score, also der Gesamtpunktestand, wird anhand von verschiedenen Kriterien errechnet. Zeigt der Score 100 Punkte an, dann hat der Fahrer eine risikoarme Fahrweise an den Tag gelegt. Desto niedriger die Punkte, desto unvorsichtiger ist der Fahrer unterwegs – und desto teurer wird seine Prämie.

Die Kriterien zur Berechnung können unter den Kfz-Versicherern in der Gewichtung der einzelnen Parameter variieren. Neben einer vorsichtigen Fahrweise fällt auch eine angepasste Geschwindigkeit stärker ins Gewicht, sodass der Fahrer hierdurch viele Punkte sammeln kann. Bei einer zu schnellen Fahrweise werden mehr Unfälle erwartet, daher wird dies im Score schlecht bewertet.

Achtung:Auch andere Fahrer zählen

Sollten Sie Ihr Fahrzeug an eine andere Person ausleihen, so wird auch diese Fahrt mitgerechnet und im Punktesystem bewertet. Unsichere oder aggressive Fahrer können somit ihren Score negativ beeinflussen.

Telematik-Tarife im Ausland

Die Möglichkeit der Telematik-Versicherung besteht in einigen Ländern schon länger. Darunter fällt Großbritannien, wo es diese Versicherungsform seit Jahren gibt. Hier konnte das Modell angepasst und weiterentwickelt werden. Aber auch andere Länder haben nachgezogen: So misst die Telematik in Österreich und Italien die zurückgelegte Strecke. Anhand dieser Berechnung wird der entsprechende Tarif aufgestellt.

Länder mit Telematik:

  • USA
  • Großbritannien
  • Spanien
  • Schweiz
  • Österreich
  • Rumänien

So kommt Pay-as-you-drive in Deutschland an

Aktuell sind Telematik-Tarife ein großes Thema bei den Versicherungen und ebenso bei den Versicherungsnehmern, welche die Thematik bislang mit verhaltenem Interesse aufnehmen. Nicht jedem Fahrzeughalter ist die Überwachung seines Fahrverhaltens genehm. Skeptische Kundenstimmen befürchten eine verstärkte Überwachung und die Speicherung von Bewegungsprofilen. Jedoch wägen viele Kunden die möglichen Ersparnisse gegenüber der Erhebung der Fahrparameter ab.

Während der Studie „Telematik-Services aus der Sicht des Fahrzeughalters“ des Unternehmens hnw consulting wurden 1.065 deutsche Kfz-Besitzer befragt:

  • Nur 7 Prozent der Befragten nutzen die Telematik-Dienste.
  • Von den Telematik-Nutzern verwenden 55 Prozent den Tarif aus Neugier.
  • Von den Telematik-Nutzern verwenden 45 Prozent den Tarif aufgrund der reduzierten Prämie.

Zudem könnten sich etwas 40 Prozent der deutschen Autofahrer vorstellen, zukünftig das Pay-as-you-drive-Modell zu nutzen.

Bis Ende 2015 planen mehrere Versicherungen, darunter die Allianz sowie die Huk-Coburg, ihr Angebot um entsprechende Tarife zu erweitern. Die Angebote von Kfz-Versichern wie der Signal-Iduna-Tochter Sijox und der Sparkassen-Direktversicherung beinhalten Telematik Versicherungen bereits. Auch die VHV und die Axa haben nachgezogen, sodass interessierte Kunden eine Telematik Versicherung abschließen können, die zu Beginn des kommenden Jahres wirksam wird.

Problematik Datenschutz

Die Gewährleistung der Datensicherheit ist ein entscheidender Aspekt bei der Nutzung von Telematik. Es wird eine Vielzahl von Daten erhoben, die viel über den Autofahrer preisgeben können. Darunter fallen:

  • Zurückgelegte Strecken, die mit Uhrzeit und Datum wiedergegeben werden und
  • Fehlverhalten am Steuer.

Auch wird beispielsweise aufgezeichnet, wann der Fahrer blinkt, welche Musik er hört und in welcher Lautstärke diese läuft. Es besteht also die Gefahr, dass die Gewohnheiten der Fahrer erfasst werden. Aus der Summe der Daten kann ein Profil erstellt werden, welches so für strafrechtliche Ermittlungen genutzt werden können. Kritische Stimmen sind der Meinung, dass mit der Herausgabe der Daten zu arglos umgegangen werde. Hier drängt sich die Begrifflichkeit „gläserner Fahrer“ auf.

Gut zu wissen:Nicht alle Versicherer zeichnen permanent auf

Einige Telematik-Tarife nutzen nicht die dauerhafte Parameter-Aufzeichnung. Ein solcher Tarif ist etwa der Axa Drive Check.

Der GDV hat 2014 festgestellt, dass alle Daten, die im Auto erhoben werden, grundsätzlich dem Kunden gehören. Dieser kann also entscheiden, ob und welche Daten er weitergibt.

Bislang ist eine Telematik-Versicherung freiwillig, sodass Kunden weiterhin im klassischen Kfz-Tarif verbleiben können. Doch herrschen in diesem Sektor viel Bewegung und Konkurrenz zwischen den Versicherungen. Befürchtungen werden laut, dass Kunden in den klassischen Kfz-Tarifen benachteiligt werden und sich dies in einer unfairen Preisgestaltung niederschlagen könnte. Ob sich die Telematik-Tarife flächendeckend durchsetzen, wird sich zeigen. Die Telematik-Technologie ist auf dem Vormarsch und wird auch zukünftig Bedeutung haben.

Vorteile

Folgende Argumente sprechen für den Pay-as-you-drive-Tarif.

Eigenes Fahrverhalten

Bei risikoarmer Fahrweise können Sie mit einem günstigeren Tarif oder Rabatten rechnen. Mit diesem Wissen im Hinterkopf kontrolliert der Fahrer das eigene Fahrverhalten genauer und nimmt somit sicherer am Verkehr teil. Fahrfehler werden vermieden und das Unfallrisiko sinkt.

Rabatte

Natürlich sind die möglichen Vergünstigungen in der Kfz-Versicherung der Hauptgrund für einen Tarifwechsel. Fährt der Versicherte angepasst, wirkt sich dies auf den Score aus, der ausschlaggebend für die Rabatte und niedrige Tarife ist.

Gut zu wissen:Beispielrechnung

Ein 30-Jähriger zahlt jährlich etwa 800 Euro in seine Kfz-Versicherung ein. Durch Pay-as-you-drive kann er bis zu 30 Prozent sparen. Der Fahrer erhält also eine maximale Ersparnis von 240 Euro – wenn er sich an alle Regeln hält und einen Score von 100 Punkten erreicht. Von dieser Ersparnis müssen allerdings die Kosten für die Blackbox sowie für den Tarif abgezogen werden. Da zudem nur selten 100 Score-Punkte erreicht werden, kann hier ggf. mit einer Ersparnis von rund 100 – 150 Euro gerechnet werden.

Fahrzeugortung

Im Fall eines Diebstahls zeigt sich die Fahrzeugortung besonders vorteilhaft. Das gestohlene Fahrzeug lässt sich dank Telematik an Bord auffinden.

Neues eCall-System

Mithilfe des eCall-Systems können Fahrer nach einem Unfall automaisch einen Notruf absetzen lassen und die Unfallstelle an die Rettungssanitäter senden. Dadurch kann diese schneller und vor allem besser gefunden werden.

Gut zu wissen:Auch die Versicherungsgesellschaften profitieren

Ein riskantes und unvorsichtiges Fahrverhalten kann zu Unfällen führen. Verkehrsteilnehmer mit diesem Fahrverhalten können für eine Versicherung teuer werden. Daher ist es auch im Interesse einer Versicherung, dass der Kunde besonnen im Straßenverkehr agiert. Durch die Auswertung der Telematik-Daten erhält der Kunde einen Einblick in seine Fahrweise. Schwachpunkte können so aufgezeigt und verbessert werden, sodass bestenfalls weniger Unfallschäden entstehen.

Nachteile

Allerdings gibt es auch Argumente, die gegen den Dienst sprechen.

Datenschutz

In der Kritik steht der mangelnde Schutz sensibler Daten. Gerade Daten- und Verbraucherschützer bemängeln, dass die Daten zu transparent dargelegt werden. Bei derartigen Tarifen wird eine Vielzahl an Daten erhoben und gespeichert, die für etliche Personen offen zugänglich sind und den Fahrer damit zu einem „gläsernen Fahrer“ machen.

Ggf. teurere Versicherungsklasse

Fahrzeughalter, die bereits in einer niedrigen Schadenfreiheitsklasse sind, können unter Umständen nicht von Telematik-Tarifen profitieren: Eventuell könnte der neue Tarif teurer ausfallen als der bisherige. Weiter stehen Fahrer mit risikoreicher Fahrweise hinsichtlich des Punktesystems schlechter da.

Schlechter Score

Nicht nur die Kunden selbst, sondern auch andere Fahrer, die das Fahrzeug nutzen, können den Score verschlechtern. Diese Risikofaktoren müssen stets mit eingeplant werden, was die Prämie insgesamt teurer werden lässt.

Ggf. Kündigung bei zu risikoreichem Fahrverhalten

Seitens der Versicherung wird ein zu riskantes Fahrverhalten besonders negativ beäugt. So kann je nach Konditionen der jeweiligen Versicherung eine Kündigung eintreten kann.

Fragen und Antworten

Für wen eignen sich die Tarife tendenziell?

Besonders Fahranfänger, die über wenig Fahrpraxis verfügen, können von dem Pay-as-you-drive-System profitieren. Die Prämien der Kfz-Versicherung sind in den ersten Jahren verhältnismäßig teuer – zudem könnten sie so das richtige Verhalten im Straßenverkehr erlernen. Personen allerdings, die regelmäßig mit hohem Tempo über Autobahnen fahren, nächtliche Fahrten unternehmen und häufig in der Stadt unterwegs sind, könnten mit diesem Tarif unter Umständen teuer wegkommen.

Gibt es Erfahrungswerte bei den Autofahrern, die Telematik schon nutzen?

Eine erste Auswertung der Sparkassen Direktversicherung ergab, dass vor allem Frauen und Senioren von den Pay-as-you-drive-Tarifen profitierten. Andere Autofahrer berichten, sie würden aufgrund der Datenmessung vorsichtiger fahren.

Wie wird gewertet, wenn ein Fahrer urplötzlich gezwungen ist, auf die Bremse zu treten?

Es kann durchaus vorkommen, dass ein Fahrer plötzlich bremsen muss, weil ein Mensch oder Tier auf die Straße läuft oder ihm jemand die Vorfahrt nimmt. Bei der Versicherung Sparkassen-Direkt wird jedoch erklärt, dass nur solche Fahrer mit einem schlechteren Score bestraft werden, die regelmäßige Vollbremsungen durchführen.

Kann sich der Kfz-Versicherungsbeitrag im laufenden Jahr ändern, falls der Score eines Fahrers schlechter wird?

Das ist abhängig von der jeweiligen Versicherung. Einige Kfz-Versicherer bieten die Möglichkeit, am Ende eines Jahres den Score auszuwerten – wer einen hohen Score erreicht, erhält Rabatte. Wer hingegen einen niedrigen Score erreicht, hat aktuell nichts zu befürchten. Andere Versicherungen verlangen zu Beginn die komplette Prämie; nach Berechnung des Scores am Jahresende könnten dann Rückzahlungen erfolgen. Bei dieser Vorgehensweise ist zudem keine Einstufung in eine schlechtere Klasse möglich.

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