Leerverkäufe: Was steckt dahinter?

Zuletzt aktualisiert am 27.06.2017

Leerverkäufe sind für viele Verbraucher erst seit der Finanzkrise im Jahr 2008 ein Begriff geworden. Dabei „wetten“ Aktienkäufer auf fallende Kurse. Diese Form des Aktienhandels gilt für viele Experten allgemein als Beschleuniger von Finanzkrisen. Allerdings sind die sogenannten „Short Seller“ nicht immer schlecht, sondern können auch eine stabilisierende Wirkung haben.

Inhaltsverzeichnis

    Was sind Leerverkäufe?

    Bei Leerverkäufen handelt es sich um den Verkauf von Basiswerten, die der Verkäufer nicht besitzt. Er leiht sie stattdessen aus und gibt sie zu einem vereinbarten Zeitpunkt wieder zurück.

    Dahinter steckt die Absicht, die Basiswerte später günstig an der Börse zu kaufen. Die Differenz zwischen tatsächlichem Einkaufspreis und dem Verkaufspreis an den Makler, der die Basiswerte geliehen hat, ist der Gewinn bei einem Leerverkauf.

    Leerverkäufe können mit Aktien, Waren, Devisen sowie Derivaten sowohl im Kassa- als auch im Termingeschäft vollzogen werden.

    So funktioniert ein Leerverkauf

    Gesetzliche Grundlage für Leerverkäufe

    Auch wenn der Leerverkauf häufig als „Wette“ auf Aktienkurse bezeichnet wird, handelt es sich dabei gesetzlich nicht um ein Spiel. Allerdings gibt es für den Leerverkauf auch keine Legaldefinition. Diese bedeutet, dass die Praxis der Leerverkäufe in keinem Gesetz ausdrücklich definiert wird.

    Nach dem Zivilrecht sind in Deutschland Leerverkäufe über das Kaufvertragsrecht gedeckt. Nach diesem dürfen Kaufverträge geschlossen werden, auch wenn der Käufer den Kauf erst später tatsächlich durchführen darf.

    Das Bürgerliche Gesetzbuch entbindet den Käufer dabei jedoch nicht von seiner Pflicht zum Kauf, sollte die Bedingungen nicht erfüllen können.

    Grundsätzlich werden Leerverkäufe als Börsentermingeschäfte eingestuft, da bei dieser Form des Aktienhandels das für Termingeschäfte typische Marktpreisrisiko vorliegt.

    Gemäß Paragraph 59 des Investmentgesetzes (InvG)  dürfen Kapitalanlagegesellschaften keine Leerverkäufe tätigen. Grund dafür ist, dass die Wertpapiere zum Zeitpunkt des Verkaufs zum Sondervermögen des Unternehmens gehören müssen. Bei einem Leerverkauf zählen sie nicht zum Sondervermögen.

    59 InvG

    Die Kapitalanlagegesellschaft darf für gemeinschaftliche Rechnung der Anleger keine Vermögensgegenstände nach Maßgabe der §§ 47, 48 und 50 verkaufen, wenn die jeweiligen Vermögensgegenstände im Zeitpunkt des Geschäftsabschlusses nicht zum Sondervermögen gehören; § 51 bleibt unberührt. Die Wirksamkeit des Rechtsgeschäfts wird durch einen Verstoß gegen Satz 1 nicht berührt.

    Staatliche Einschränkungen von Leerverkäufen

    Staaten haben die Möglichkeit, Leerverkäufe zu beschränken. In Deutschland ist für solche temporären Einschränkungen die BaFin zuständig. In anderen Ländern gibt es ähnliche Sicherungsmechanismen. In Europa darf die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde diese seit 2012 verbieten.

    Ungedeckte Leerverkäufe sind seit 2010 nach Paragraph 30 des Wertpapierhandelsgesetzes (WpHG) verboten. Diese Regelung gilt seit 2012 in der gesamten EU. Dort basiert das Verbot von Leerverkäufen auf der EU-Leerverkaufsverordnung (EU-LeerverkaufsVO) in Artikel 12 sowie auf diversen Transparenzregelungen.

    Insgesamt gibt es innerhalb der Europäischen Union vier Ausführungsvorschriften, welche die Bestimmungen der EU-Leerverkaufsverordnung genau festlegen. Diese Vorschriften umfassen sowohl die Begriffsbestimmungen als auch die Durchführungs- und Regulierungsstandards. Außerdem gibt es Vorschriften für die Einhaltung technischer Regulierungsstandards.

    Seit der Finanzkrise 2007 sind Leerverkäufe von Finanzwerten in folgenden Ländern verboten: Deutschland, USA, Großbritannien, Frankreich, Kanada, Taiwan, Portugal, Irland und Australien.

    So funktioniert ein Leerverkauf

    Leerverkäufe sind als Kassageschäft oder Termingeschäft möglich. In beiden Fällen leiht sich der Leerverkäufer Aktien von einem Makler und verkauft ihm diese zu einem späteren Zeitpunkt wieder.

    Er hält dadurch eine sogenannte „Short Position“. Dabei hofft der Leerverkäufer auf einen gesunkenen Börsenkurs. Die Differenz zwischen Verkaufspreis und dem Kaufpreis der geliehenen Aktien ist abzüglich Leihgebühren der Gewinn.

    • Leerverkauf als Kassageschäft: Wird der Leerverkauf in dieser Form durchgeführt, unterscheidet er sich nicht von einem herkömmlichen Verkauf, was den Kaufabschluss sowie die Abwicklung angeht. In diesem Fall muss ein Leerverkäufer den verkauften Wert innerhalb kurzer Fristen liefern. Diese Fristen betragen meist zwischen zwei und drei Handelstagen. Um die Wertpapiere innerhalb dieser Frist liefern zu können, muss er sich diese leihen.
    • Leerverkauf als Termingeschäft: Bei der Ausführung eines Leerverkaufs als Termingeschäft muss der Leerverkäufer erst zu einem festgesetzten Termin in der Zukunft liefern. Dies bedeutet, dass er mehr Zeit hat, sich mit dem nötigen Kapital für den Kauf von Basiswerten einzudecken.

    Gedeckte und ungedeckte Leerverkäufe

    Werden Leerverkäufe gedeckt getätigt, leihen sich die Akteure Aktien oder andere Basiswerte für einen festgelegten Zeitraum bei Maklern oder Wertpapierbesitzern aus. Diese Papiere verkaufen sie auf dem Markt.

    Bei einem ungedeckten Leerverkauf sind die Verkäufer weder im Besitz der Basiswerte noch haben sie sich die Basiswerte geliehen. Diese Form der Leerverkäufe kann zu sehr starken Auswirkungen auf die Kurse führen. 

    Keine ungedeckten Leerkäufe in Deutschland

    So ist es zum Beispiel möglich, dass ein Aktienhändler durch ungedeckte Leerverkäufe Aktien auf den Markt bringt, die in dieser Menge überhaupt nicht existieren.

    Ungedeckte Leerverkäufe sind möglich, weil die Frist zur Lieferung der Wertpapiere mehrere Tage beträgt. Ungedeckte Leerverkäufe sind jedoch in Deutschland verboten.

    Sinn und Zweck von Leerverkäufen

    Leerverkäufe sind zunächst Wertpapiergeschäfte, die von fallenden Aktien profitieren. Somit ist ein Sinn des Leerverkaufs die Gewinnoptimierung eines Depots. Zugleich können Leerverkäufe als Short-Position andere Termingeschäfte oder Börsengeschäfte absichern.

    Private Investoren nutzen Leerverkäufe ebenfalls aus zwei Interessen heraus: Zunächst können die Leerverkäufe das eigene Portfolio absichern. Zum anderen können sie für höhere Gewinne sorgen.

    Hedgefonds

    Hedgefonds nutzen Leerverkäufe ebenfalls, um ihre Spekulationen abzusichern. In diesem Sinne erfüllen Leerverkäufe den wortwörtlichen Sinn dieser Fonds (englisch: to hedge = absichern auf Deutsch).

    Der Einfluss von Leerverkäufen auf den Markt

    Wie stark Leerverkäufe den Markt beeinflussen, ist unter Experten umstritten. Manche Wissenschaftler sehen überhaupt keine Auswirkung von Leerverkäufen auf den Markt.

    Kritische Stimmen jedoch gehen davon aus, dass Leerverkäufer gezielt versuchen, die Kurse der von ihnen short gehaltenen Positionen zu drücken, um ihren Gewinn zu maximieren.

    Die Kritiker der Leerverkäufe gehen deshalb davon aus, dass große Investoren zum Beispiel gezielt Falschmeldungen über Unternehmen streuen, damit der Aktienkurs fällt. Short Positionen sind für andere Experten wiederum wichtige Korrektive auf dem Markt, da sie Kursexzesse nach oben verhindern.

    Der Ursprung der Leerverkäufe

    Die Geschichte der Leerverkäufe reicht bis ins Jahr 1602 zurück. Damals hat ein holländischer Händler in eine niederländische Handelsgesellschaft investiert und Anteile daran erworben. Bedingt durch politische und wirtschaftliche Zwänge konnte die Gesellschaft sieben Jahre später keine Dividenden auszahlen.

    Somit beschloss der Händler Issac Le Maire mehr Anteile an der Handelsgesellschaft zu verkaufen, als er tatsächlich besaß. Auf diese Weise wollte er den Dividendenausfall auszugleichen. Damit war erstmals in der Geschichte ein Leerverkauf abgeschlossen worden.

    Zunächst blieben Leerverkäufe an den Börsen verboten, doch langfristig setzte sich diese Form der Aktienspekulation fort. Ein großer Einschnitt für den Handel mit Leerverkäufen erfolgte im Zuge der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er-Jahre. So wurden Leerverkäufe auf fallende Kurse in den USA untersagt. Das Verbot wurde bis ins Jahr 2007 beibehalten.

    Im gleichen Jahr und in den Folgejahren haben Leerverkäufe wiederum eine tragische Rolle bei der weltweiten Finanzkrise gesorgt. Nicht zuletzt deshalb ist dieser Form des Wertpapierhandels bis heute umstritten.

    Marktteilnehmer

    Die Gruppe der Leerverkäufer teilt sich üblicherweise auf die folgenden Marktteilnehmer auf:

    • Private Investoren: Privatanleger können über Broker oder andere Aktienhändler Leerverkäufe platzieren oder an solchen partizipieren. Sie nutzen Leerverkäufe, um ihr Verlustrisiko zu minimieren oder zur Gewinnoptimierung.
    • Große Institutionen: Große Institutionen nutzen Leerverkäufe häufig, um andere Börsengeschäfte glatt zu stellen.
    • Hedgefonds: Hedgefonds nutzen traditionell Leerverkäufe, um maximale Gewinne zu erzielen.

    Diese Anbieter leihen Aktien für Leerverkäufe

    Typischerweise leihen große Pensions- oder Rentenfonds zu den Verleihern für Aktien für Leerverkäufe. Sie erhalten von den Leerverkäufern eine Gebühr dafür. Diese Gebühren sorgen für zusätzliche Gewinne bei diesen Fonds.

    Verfügbarkeit der Aktien

    Die Voraussetzung für das Verleihen von Aktien ist allem voran, dass die betreffenden Aktien verfügbar sind. Somit sind Leerverkäufe immer von vorhandenen Aktien abhängig.

    So erfolgt die Abwicklung

    Leerverkäufe können über verschiedene Akteure ablaufen.

    • Makler: Wird ein Makler für den Leerverkauf genutzt, verkauft oder kauft im Auftrag des Kunden Aktien.
    • CFD: Leerverkäufe können in Form von Differenzkontrakten durchgeführt werden.
    • Broker: Für die Platzierung von Leerverkäufen können auch Broker eingesetzt werden. In Deutschland gibt es zum Beispiel die Broker Cortal Consors, Lynx oder OnVista Bank, über welche Leerverkäufe abgewickelt werden können.

    Risiko und Rendite

    Leerverkäufe sind für Anleger mit einem hohen Risiko verbunden. Sie gehören zu den spekulativen Wertpapiergeschäften, da auf sinkende Kurse gesetzt wird.
    Wer Kapital in Leerverkäufe investiert, geht das Risiko eines Totalverlusts ein. Ein Leerverkäufer kann sogar darüber hinaus Verluste machen, wenn die Kurse zum Beispiel nicht gefallen, sondern massiv gestiegen sind.

    Ein solcher „Short Squeeze“ trat im Jahr 2008 ein, als die VW-Aktie überdurchschnittlich angestiegen ist, weil Porsche angekündigt hatte, Volkswagen übernehmen zu wollen. Leerverkäufer, die damals auf einen sinkenden Kurs bei VW gewettet hatten, mussten nun ihre Aktienpakete zu einem deutlich höheren Preis liefern.

    Jeder Leerverkauf ist eine Art „Wette“ auf fallende Kurse. Somit hängt das Gewinn- oder Verlustrisiko stark von der Entwicklung des entsprechenden Unternehmens oder des Kurses ab. Die meisten Faktoren können von den Anlegern dabei nicht beeinflusst werden.

    Beim Investieren in Leerverkäufe müssen Anleger außerdem berücksichtigen, dass viele Gebühren fällig werden. So müssen sie zum einen den Broker oder Makler bezahlen und zum anderen Zinsen für die geliehenen Basiswerte.

    Der Gewinn aus dem Leerverkauf muss demnach erst einmal diese gesamten Kosten decken, bis der Anleger tatsächlich von dem Verkauf profitiert. Aus diesem Grund ist bei Leerverkäufen in der Regel von Beginn an ein höheres Risiko nötig, um überhaupt Gewinn zu erzielen. Mit dem Risiko steigt jedoch zugleich wieder die Gefahr von Verlusten.

    Dividenden und Leerverkauf

    Manche Anleger versuchen, Leerverkäufe am Dividendenstichtag zu tätigen. Sie gehen davon aus, dass die Aktie eines Unternehmens am Tag der Auszahlung der Dividende sinken wird.

    In der Regel wird dann die Aktie minus der gezahlten Dividende pro Aktie gelistet. Eine Wette auf sinkende Kurse scheint in diesem Fall sehr sicher aufzugehen. Allerdings kann eine Aktionärsversammlung neben der Dividendenzahlung auch positive Unternehmensnachrichten bringen.

    Diese sorgen für einen starken Kursanstieg, der über die abgezogene Dividende hinausreicht. In diesem Fall würde der Leerverkäufer sogar einen Verlust machen. Aus diesem Grund ist die Strategie, mit Leerverkäufen auf den Dividendenstichtag zu setzen, nicht empfehlenswert.

    Risiken durch Art der Deckung minimieren

    In Deutschland dürfen nur gedeckte Leerverkäufe durchgeführt werden. Auf diese Weise wird das Verlustrisiko im Vorfeld minimiert. Die Deckung erfolgt in der Regel durch Wertpapierleihe oder ein Wertpapierpensionsgeschäft. Hierbei werden die Wertpapiere zunächst den Leerverkäufer übertragen.

    Darüber hinaus können Leerverkäufe auch durch Call-Optionen, eine taggleiche Deckung oder Derivate gedeckt werden.

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